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Bin ich hier richtig? 

11. November 2020, Jürg Messmer

"Sind wir hier richtig?", "Wohin wollen Sie denn fahren?" "Keine Ahnung...” Meine Hoffnung: dass mir einfach jemand mit “Gehe dahin" die Richtung weist.

Etwa so waren wir gestern mit dem Auto an diesen Ort unterwegs, wo man schön wandern könne - und das nicht weit weg von Tullow. Denn Covid-19 setzt ja Grenzen, auch wenn diese kaum je überprüft werden. Kusine Margaret hatte Sinead erklärt, wie wir an diesen Ort kommen würden. Doch Sinead schien etwas verloren. Sie sprach von “bei der Bar links, dann rechts, die nächste nach Norden und dann gleich wieder Richtung Süden, und noch etwa eine halbe Meile”. So was.

Gleich wollte sie diese Anweisungen in unsere Sichtweise übersetzen, wollte das, was Margaret gesagt hatte, übertragen auf unsere Fahrtrichtung, in der wir fuhren. Also zuerst nach rechts, und dann links, also jeweils das Gegenteil von dem, was Margaret ihr aus ihrer Sicht gesagt hatte, und so weiter. Mir wurde schwindlig, als ich ihrer Beschreibung und ihren grundsätzlich logischen Überlegungen zuhörte. Ich selber hatte ja auch keine Ahnung, praktisch null Ortskenntnis! Ich wusste nur eines: ein Durcheinander.

Wir fanden diesen Ort nicht, doch landeten wir bei einem alten neolithisches Grabmal, und das war schön. Und interessant. Und die Fahrt nicht zu lang, und der Fussweg nicht zu weit. Einfach ok. So werden wir es wieder versuchen, diesen schönen Wanderweg zu finden, und hoffen, dass auch wenn wir den Ort wieder nicht finden, so doch immer wieder wir etwas Schönes entdecken.


Das "Portal-Grab" Browneshill Dolmen, mit 100-Tonnen Megalithen (Wiki)

Auf meine Aussage “Keine Ahnung (wohin ich gehe)”, oder gar auf meinen verwirrten Ausdruck hin, wäre ich glücklich, wenn jemand mir einfach sagen würde, “gehe dahin, da bist du richtig”, oder besser noch ein einfaches "Gehe dahin”, klar und deutlich. Denn dann ist es auch richtig. Spontan, so wie dies mir Daniel Bianchetta in Esalen, in Big Sur Kalifornien, mal gesagt hatte. Er war damals mein Küchenchef, und bot auch Meditationen und Body-Readings an; in seinem Creek-Haus das direkt über einem Wasserfall gebaut war, der unterhalb direkt in den Pazifischen Ozean floss. Er hatte mir mal in meiner Verwirrung, die genau so total wie klar war, auf diese kreative Weise ganz einfach und ohne Worte den Weg gewiesen. Und ich landete in der Küche. Das gefällt mir bis heute.

Eben dachte ich, dass es, um in diesem Dschungel zu leben, ab und zu helfen würde, wenn jemand mal eine kreative Idee hätte. Diese fehlen mir. Ich habe es gerne, wenn mal ein Anderer weiss, wohin ich gehen kann, und dies ohne Besserwisserei, und ich nicht immer nur alles selber wissen muss. Das ist doch schlicht zu langweilig. Einfach ein Wegweiser, wie ein Stein, eine Blume, die fröhlich nickt, ein gebrochener Zweig, oder die aufs Wesentliche verkürzte Werbebotschaft. Einfach klar. Ich habe gerne verrückte Ideen. Die passen in diese verrückten Welt.

Also was soll ich tun? Der Flug nach Guatemala wurde wieder annulliert und ich habe keine, aber auch gar keine Ahnung, was nun Sache ist. Covid-19-Regelungen wie soziale Distanz, weniger Passagiere erlaubt? Doch welcher Flug ist denn betroffen? Dublin-Madrid oder Madrid-Guate? Es scheint, dass nur meine Sitz-Reservation annulliert worden ist. Grund unbestimmt. Kein Gratismeilen-Kontoinhaber? Kein Dauerflieger, nur Füllmaterial, halt nur Economy-Kunde? Vielleicht müsste ich erste Klasse fliegen? Bevorzugt, privilegiert. Scheinbar gibt es bis Januar keine Flüge mehr von Dublin nach Madrid. Bei Aer Lingus sind alle “ausgebucht”. Den einzigen Flug, den ich fand, war mit Qatar Airways, für tausend bis zweitausend Euro, und das mitten in der Nacht, ohne irgendwelchen Anschluss nach Guate in Madrid. 

Eine Alternative fand ich bei United Airlines, via London und Washington nach Guatemala City, zum Flughafen, der Aurora heisst. Ich musste es versuchen! Doch inzwischen ist “endgültig” klar, dass ich aus Irland weder einreisen, noch durch die USA durchreisen kann, nicht einmal Transit ist möglich. Und das aus Irland, diesem - sozusagen - Vaterland der USA, oder Mutterland. Alle hier haben ja Verwandte in den USA, und oft verstehe ich jetzt besser, warum die USA das "Amerika" sind, was es ist. Obwohl die Iren natürlich sagen, dass sie sich nur am amerikanische Way-Of-Life angepasst hätten, und nicht umgekehrt.

So oder so: USA, no way. Ich nehme an, das gilt auch ab anderen Europäische Ländern, da dort die Covid-19-Situation zur Zeit noch wesentlich herausfordernder scheint als in Irland. Doch mit Rationalität hat es ja eh nichts zu tun. Es ist eigenartig, dass ausgerechnet die USA, das Einwanderungsland, das der Freiheit, die schärfsten Bedingungen hat. Gastfreundschaft im 21. Jahrhundert. Kein Wunder, dass da alles vor die Hunde geht. Doch mit einem Menschen der United Airlines konnte ich wenigstens sprechen, sie nahm sich Zeit, klärte meine Lage sorgfältig ab, und sagte mir, was Sache ist. Das ist doch schon mal was. Und vielleicht ist es ja ganz gut, dass wir uns mal wieder unter die Hunde gesellen, und nicht stur, und befreit von Zweifeln, diese absurden und selbstzerstörerischen, genannt zivilisatorischen, Pläne, die weder Hände noch Füsse haben, unbedarft weiter verfolgen können.

Wie die meisten habe ich vergessen, dass wir im Dschungel leben, einfach ziemlich benebelt von Versprechungen, die wir uns selber gegeben haben. Auf der Suche nach Komfort, und im Kampf gegen die Vergänglichkeit. Eine Suppe, die wir uns selber eingebrockt haben. Wer auch immer wir sind. Das menschliche Denken hat Tür und Tor für diesen Selbstbetrug geöffnet, und selbst von Betrug zu sprechen, hiesse, immer noch in diesem Denken verstrickt zu bleiben. Denken hilft ja nicht, Zukunft zu planen, sondern eher dazu, Dinge zu konstruieren, die sich dann selbständig machen, die man nicht wieder los wird, von denen man nicht mehr weiss, wie sie zu entsorgen, oder zu reziklieren sind, wie wir es so schön nennen. In den Kreislauf zurückgeben. Als könnten wir uns dem sonst entziehen. Mensch im 21. Jahrhundert. Aufgeklärt. Abgeklärt. Ein Durcheinander. Abermilliarden von Gedankenkonstrukten, die sich widersprechen. Und niemand weiss, wohin die Reise geht. “Wohin willst Du gehen?”. “Uups, habe ich vergessen”. “Macht nichts, geh einfach in diese Richtung weiter, da findest du was du suchst.” Danke. Eine klare Antwort, weiss ich zu schätzen.

Dass die Welt - oft sprechen wir von Umwelt - uns feindlich gesinnt sei, ist nur eine der Selbsttäuschungen. Doch vielleicht müssen und wollen wir uns ja selber täuschen, damit das Spiel weitergehen kann. The show must go on. Wenn wir alles so klar sehen würden, oder könnten, wäre das Spiel ja vermutlich gleich vorbei. Doch warum denken wir, dass die (Um-)Welt grundsätzlich eine fast böse, uns mindestens feindlich gesinnte ist? Ist das nicht darum, weil wir uns als eigenständige, mit gleichen Grundrechten (theoretisch) ausgestattete, Wesen sehen, die erst noch Würde haben (im Gegensatz zu was, oder wem?), also sowas wie mechanische Roboter, die unberührt und unbeeiflusst von Emotionen und verwirrten Gedanken, ganz los gelöst von anderen, rational funktionieren, aber eben leider von Rost (oder Covid-19) bedroht sind (Rostfreien Stahl, Kunststoff verwenden! Impfen!), und die Frage des Recyclings sich immer drängender stellt. Und auch, dass diese Maschinen unendlich viel Energie benötigen, geht immer wieder vergessen. Also ist es selbst bei einer unabhängigen Maschine unvermeidlich, dass eine gigantische Infrastruktur geschaffen werden muss, um deren Unabhängigkeit zu gewährleisten. Ziemlich eigenartig.

Die Welt ist schlecht, wir bestätigen es uns täglich, es wird eingebrochen, gelogen, betrogen, und getötet, auch wenn weit weniger, als die Unterhaltungs-News uns dies oft weis macht. Also sind wir schlecht. Dass wir die Grundlagen dazu selber geschaffen haben ("Eigentum", "Recht auf Leben", "Unabhängigkeit") ist da schnell vergessen. Sind wir nicht einfach Tiere, die überleben wollen und dies machen, solange wir es können, solange Lebenswillen uns treibt? Warum denken wir, dass es so soviel schlechter ist, ein Tier zu sein? Gleichzeitig besuchen wir Zoologische Gärten, lesen nur allzu gerne vermenschlichte Tiergeschichten, lieben Naturfilme, und bewundern die Tiere aus der Ferne für ihre Schönheit und Freiheit. Um sie dann gleich zu töten, oder sie ihrer Lebensgrundlage zu berauben.

Ein Wirrwar. Und nicht ganz neu. Bei mir zum Beispiel begann der Wirrwar so, und dabei muss ich wieder einmal tief in meine virtuelle Schatzkiste, die Geschichte meiner Vergangenheit, meiner Herkunft, greifen: mein Vater hatte uns gesagt - wenigstens hat sich das mir so ins ewige Gedächtnis eingebrannt: “Ihr seid intelligent, und deshalb verantwortlich für die Welt!” Damit sass ich, und wusste nicht weiter. Nie. Doch ja, Schritte musste ich ja machen. Ich war am Leben. Kein Zweifel. Ob Illusion oder nicht, Maya oder Realität, spielt da keine Rolle. Doch “Intelligent?” und “deshalb verantwortlich?” Und wer bestimmt denn, was diese Intelligenz denn ist, und wie die daraus so zwingend folgende Verantwortung denn zu sehen und zu übernehmen ist? Du bist verantwortlich für das Wohlbefinden anderer, doch darfst du nicht einmal mitbestimmen, was denn dieses Wohlbefinden überhaupt sein sollte? Und selber bleibst du erst noch auf der Strecke? Einfach zu viele Fragen, vor allem auch, warum denn ich intelligent sein soll, und andere nicht. Und das immer gemischt mit dem Stolz, ob dieser bei mir erkannten Intelligenz. Ja, was ist Intelligenz? Viele Worte, fit für eine Lizenziats-Arbeit wie “Autorität und Gewissen”? Ja, das versuchte ich, doch es half nichts weiter. Tatsache blieb, dass ich mich dagegen wehrte, wehren musste, weil mich die Aufgabe verwirrte und hilflos machte. Ich sah die Lösung nicht. Und das bringt ja keine Loorbeeren, und füllt kein Bankkonto. Gereicht mir nicht zur Ehre.

Also blieb ich verwirrt, bin es immer noch. Doch was soll’s. Ich habe mich immer auf die Seite von Minderheiten geschlagen, auf die der Verwirrten, Versager, von Alkoholiker und Strassenwischer. Oder verkannter Buchhalter. Einfach mich immer auf die andere Seite geschlagen. Klar, die schreiben keine sogenannt wissenschaftlichen Texte. Die machen einfach ihre Arbeit, und wenn sie nur den Daumen auf die Wunden halten, aus denen der Eiter unserer Zivilisation fliesst. Hör mir auf damit, diese Leute zu idealisieren. Damit kommen wir nicht weiter. Wer faul ist, ist faul, und wer dumm ist ist dumm. Ja, zu faul zu denken, und dumm, da denkt, intelligent zu sein, intelligenter als andere. Ich weiss, wovon ich spreche.

Also wandere ich, einen Schritt vor dem darauf folgenden. Auch in Gedanken. Ich traue meinen Gedanken. Nein, nicht deren vermeintlich absoluten Bedeutung, sondern als wären sie feine Muskeln, die mich im Gleichgewicht halten. Dynamisches Gleichgewicht, wohlverstanden. Ja, einfach Muskeln. Nicht ein solcher, den wir als den Wichtigsten erkannt haben. Nein, einfach dieser kleine Muskel, meiner. Der Gedanke, und Uups, gleich ist er weg. Meiner Verwirrung begegne ich mit Achtung, mit Sorgfalt gehe ich mit ihr um, und hoffe, dass ich mich ihrer würdig erweise.

Begleitest du mich? Bist du immer noch da? Danke. Wie gehen wir weiter? Dahin?  Gut, dahin komme ich mit.

PS: Sinead (wer denn sonst) hat gestern wieder Brot gebacken. Ein einfaches, helles Brot, mit schöner Kruste, wie sie sagte. Heute morgen haben wir es probiert. Sie: "Für dieses Brot würde ich keine Meile gehen!". Und ich, "Doch, wenn ich Hunger hätte und wüsste, dass es dort dieses anständige Brot gibt", selbst weiter würde ich dafür gehen.

Zwischen Stühlen und Bänken: Es ist eine Tatsache, dass ich stur und Detailbesessen bin. Eigenartig, meine komplizierte Art, das Einfache zu suchen, meinen Träumen und meinen Füssen zu vertrauen. Ja, auch meinen Füssen traue ich sehr, auch wenn ich manchmal - wie gestern - einfach nicht mehr weiter weiss, und in der Gegend herumstolpere. Immer noch möchte ich nach Guatemala gehen. Doch ist es schwierig, das genau zu erklären. Vielleicht ist es einfach mein nächster Schritt. Doch wie? Ironischerweise erlaubt mir Covid-19 nicht das einfachste und ungefährlichste zu machen, über Madrid direkt nach Guatemala zu fliegen (ohne zu wissen, ob ich das kompensieren kann:-). Ich muss irgendwie nach Madrid gelangen, weil der Flug von Dublin nach Madrid aus Covid-19-Gründen unmöglich ist, alles nun viel ausgesetzter und Risikobehafteter ist. Klappt es? ich weiss es nicht. Ich hoffe es. Vivian hat mir ein Lied von Emily Estefan, der Tochter von Gloria, gesandt, zur Beruhigung in dieser schwierigen Situation, zur Aufheiterung für den Migranten zwischen Stuhl und Bank. Danke, Vivi, für deine einfache Richtungsweisung, genau eine solche, wie ich sie in diesem Text erwähnt hatte, total unberechenbar natürlich :-):"Mi Tierra / Oye Mi Canto"   Emily Estefan singt live in Library of Congress Gershwin Prize 2019.

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